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Wolfsblut.
Eine Sommernacht. Ich bin mit Henning unterwegs zu einem Rockkonzert,
zu Fuß. Das hier ist eine Gegend, die ich das Nachtjackenviertel
nennen würde, obwohl dieser Begriff, glaube ich, schon vor ein paar
Jahrzehnten ausgestorben ist.
Henning scheint zu der gleichen Einschätzung gekommen zu sein, denn
er lacht und sagt: Üble Gegend, das hier. Da passt der alte
Gag: Wir sollten um diese Zeit nicht hier sein. In der Nacht sind
hier gefährliche Leute unterwegs.
Ich nehme den Gag auf: Ja. Wir.
Wir lachen beide und gehen weiter.
In den nächsten paar Minuten begegnet uns kein Mensch. In einer
Gegend wie dieser, denke ich, ist das eher ein schlechtes Zeichen. Normalerweise
heißt das nämlich, dass Typen unterwegs sind, denen die Einheimischen
eher nicht begegnen wollen und damit sind nicht Henning und ich
gemeint.
Dann beginnt irgendwo ein Hund zu bellen, ein großer, wie es sich
anhört, und er ist erkennbar wütend. Henning lauscht. Patrick,
ruft er und läuft los, in Richtung auf den Lärm. Ich laufe mit,
denn Patrick ist der Freund, mit dem wir verabredet sind, um gemeinsam
das Konzert zu besuchen.
Weit brauchen wir nicht zu rennen, zwei Straßenecken weiter stolpern
wir in eine Szene, die ich erst einmal sortieren muss, denn es sind drei
Männer daran beteiligt und ein Hund. Zwei der Männer sind mir
fremd, der dritte nicht es ist Patrick.
Er wird von dem einen der Typen, einem Glatzkopf in einer hellen Jacke,
gegen eine Mauer gedrückt, und ich wundere mich einen Augenblick
lang, warum er sich nicht wehrt, sehe dann aber, dass der Glatzkopf ihm
ein Messer an den Hals hält. Mit der anderen Hand wurschtelt der
in Patricks Jackentaschen herum und ruft: Ey, sieh mal, er hat ein
richtig geiles Handy!
Der zweite Unbekannte, ein ziemlicher Riese, sagt dazu nichts. Er hält
den Köter an der Leine, was ihm ziemliche Mühe macht, denn das
ist ein Riesenvieh, schwarz und mit plattgedrückter Schnauze. Er
bellt wie wild und zerrt an der Leine, zuerst in Richtung Patrick, aber
dann macht er eine Kehrtwende und bellt und geifert jetzt in unsere Richtung
und zerrt mit doppelter Kraft. Wenn der Typ jetzt die Leine loslässt,
denke ich, dann haben wir ein Problem, Henning und ich.
Aber Henning neben mir sieht den Hund nur an, und der stoppt sein Gebell
wie abgeschnitten, jault auf und versucht sich hinter seinem Herrchen
zu verstecken, winselnd.
Das macht Herrchen auf uns aufmerksam. Er brüllt etwas, das ganz
allgemein als Beleidigung gemeint ist, und lässt die Hundeleine fahren,
was den Köter dazu veranlasst, sich hinter die nächste Mülltonne
zu verdrücken.
Mir reicht das Ganze inzwischen. Ich mache einen Schritt auf den Glatzkopf
zu und brülle: Was soll das hier sein, eine neue Folge von
Geld oder Leben?
Der Glatzkopf starrt mich an, nimmt aber das Messer nicht von Patricks
Hals. Er glotzt nur blöde und sagt: Hä?
Offensichtlich hat er nicht begriffen, worauf ich hinaus will. Also brülle
ich: Steck das verdammte Messer weg, gib meinem Freund seine Sachen
zurück, und dann verschwindet ihr.
Er starrt mich weiter nur an, aber sein Kumpel macht zwei Schritte auf
mich zu und grölt: Was willstn du, du kleiner Scheißer?
Ach ja, es stimmt, er ist größer als ich. Ich bin Baujahr 1703,
und da galt ich mit meinen 1,76 m als hochgewachsen; inzwischen ist das
nicht einmal mehr Mittelmaß. Der Riesenkerl mir gegenüber glaubt
deshalb offenbar, dass ich für ihn kein Gegner bin, aber ich müsste
nicht einmal ein halbes Dutzend von seiner Sorte fürchten, so wenig
wie Patrick das Messer.
Ach so, ich glaube, ich habe vergessen zu erwähnen, dass ich ein
Vampir bin ja, genau, Vampir: untot, Bluttrinker, Nachtwesen, die
Stärke von neun Männern und eine extreme Abneigung gegen Sonnenlicht.
Patrick ist auch ein Vampir, allerdings erst seit knapp einem Jahr, und
er kennt seine eigenen Kräfte noch nicht wirklich. Henning dagegen
ist ein Werwolf Werwolf, Vegetarier und Pazifist, eine interessante
Mischung.
Inzwischen frage ich mich, was mit den beiden Typen eigentlich los ist.
In den fast dreihundert Jahren meiner untoten Existenz habe ich Dutzende
von solchen Überfällen mitgemacht meine nächtliche
Lebensweise bringt das mit sich. Normalerweise muss man nur als Außenstehender
in eine solche Szene hineinplatzen und vielleicht noch etwas herumbrüllen,
dann werden die Räuber vernünftig. Aber die beiden hier...
Dann macht der Typ vor mir eine schnelle Bewegung, und ich erkenne, dass
ich nicht einen Fehler gemacht habe, sondern drei: ich habe ihn
zu nahe an mich herankommen lassen, ich hätte damit rechnen sollen,
dass auch er bewaffnet ist, und ich habe nicht in seine Augen gesehen.
Dann hätte ich nämlich bemerkt, dass er mit irgendwelchen Drogen
komplett zugedröhnt ist und überhaupt nicht mehr vernünftig
handeln kann. Drei Fehler, und deshalb sehe ich es nicht kommen, sondern
habe ein Messer im Magen, bevor ich irgend etwas machen kann.
Ich krümme mich, und der Kerl lacht grölend. Wäre ich ein
lebender Mensch, wäre ich jetzt in ernsthaften Schwierigkeiten, aber
ich bin ein Vampir, ich habe nicht einmal richtige Schmerzen, nur dieses
widerliche Gefühl von zwanzig Zentimetern Stahl im Inneren, wo sie
definitiv nicht hingehören.
Dass ich mich krümme, ist nur ein Reflex. Ich drehe mich, komme hoch
und schlage zu, alles in einer Bewegung, gegen seine Schläfe, und
schaffe es noch, mich zurückzuhalten und ihm nicht den Schädel
zu zerschmettern. Jeder von uns hat die Kraft von neun Männern, heißt
es, und ich glaube, das stimmt. Der Typ kracht zu Boden.
Ich sehe mich nach meinen Freunden um. Henning hat sich herausgehalten,
was gut ist, denn er ist zwar ein Werwolf, aber eben auch ein lebender
Mensch, und für ihn ist es gefährlich, sich einzumischen, wenn
durchgeknallte Straßenräuber mit Messern hantieren. Patrick
... Patrick hat sich darauf besonnen, dass auch er ein Vampir ist und
Kerle wie diese nicht wirklich fürchten muss. Er hat den Glatzkopf
im Würgegriff und will gerade einen Biss ansetzen.
Nicht trinken! rufe ich. Er stutzt, hält aber inne.
Ich gehe zu ihm rüber und versetze dem Glatzkopf eine Kopfnuss, die
ihn ausknockt. Nicht trinken, sage ich zu Patrick. Die
Kerle sind bis zum Stehkragen voll mit irgendwelchem Zeug. Wenn du ihr
Blut trinkst, holst du dir eine volle Dröhnung. Möchtest du
das?
Igitt, sagt Patrick und lässt den Kerl fallen.
Ist jemand verletzt? frage ich.
Du doch wohl, sagt Henning.
Das ist in ein paar Minuten verheilt, sage ich. Nur
mein Hemd hat ein Loch. Mist.
Kauf dir ein T-Shirt an den Ständen vor dem Konzert,
schlägt Henning vor. Patrick? Alles in Ordnung?
Patrick nickt. Er hat sich inzwischen sein Handy wiedergeholt. Nur
ein Schnitt am Hals, aber der ist schon wieder fast verschwunden.
Das stimmt. Wir heilen schnell, und keiner von uns hat etwas abbekommen,
das einen Vampir beunruhigen müsste.
Also ziehen wir ab und lassen die beiden Bewusstlosen zurück. Als
wir an dem Köter vorbeikommen, versucht der sich hinter seiner Mülltonne
unsichtbar zu machen. Henning knurrt leise, und das ist zu viel: die Töle
jault noch einmal auf und saust dann mit eingekniffenem Schwanz die Gasse
hinunter.
Patrick lacht. Was hat er bloß? fragt er.
Hunde hassen und fürchten uns, erklärt Henning.
Sie waren einmal Wölfe, aber sie haben das Wolf-sein aufgegeben,
um Menschen zu werden. Ich bin ein Werwolf, und damit habe ich alles,
was sie nicht haben können: ich bin der Mensch, der sie niemals sein
werden, und der Wolf, der sie nie wieder sein können.
Wir gehen weiter, und ich sehe auf die Uhr und stelle beruhigt fest,
dass wir noch genügend Zeit haben. Wenn wir nicht noch einmal in
so eine Situation geraten, werden wir es rechtzeitig bis zum Konzert schaffen.
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