Der Text des Monats.


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Ich bin ein Dieb, aber ich bin kein gewöhnlicher Dieb. Gewöhnliche Diebe stehlen Dinge – ich nicht. Das heißt, normalerweise nicht, aber diesmal hatte ich mich von dem Mann, der mir einen großen Teil meiner Beute abkauft, dazu überreden lassen. Deshalb stand ich vor dieser Ausstellungshalle, in der Schmuck und Goldschmiedearbeiten aus zwei Jahrhunderten gezeigt wurden, neben mir ein junger Mann, dessen Namen ich nicht wusste und auch nicht wissen wollte. Er sollte für die technische Seite der Operation zuständig sein.

Es war Nacht, die Straße menschenleer, die Ausstellung seit Stunden geschlossen. Drinnen saß, durch die Glastür gut sichtbar, ein Wachmann.
„Wie kommen wir da rein?“ fragte mein Begleiter. „Es gibt nur den einen Eingang.“
„Wir gehen einfach durch die Tür“, gab ich zur Antwort.
„Und der Wachmann?“
„An dem stehle ich uns vorbei. Geh neben mir, sag nichts, dreh dich nicht um, dann wird es keine Probleme geben.“
Er sah mich skeptisch an, folgte mir aber, als ich die Straße überquerte und auf den Eingang zuging. Ich marschierte durch die Tür, an dem Wachmann vorbei, der durch uns hindurch starrte, als wären wir Luft, und die Treppe hoch zu den Ausstellungsräumen. Dort im Gang, hinter einer feuersicheren Tür, holte mein Begleiter tief Atem. „Wie hast du das gemacht? Er hat uns gesehen! Er muss uns gesehen haben.“
„Ja, aber für ihn waren wir keiner. Ist ein kleiner Trick von mir. Also hat er nur gesehen, daß da keiner war – ganz einfach.“
Er schüttelte den Kopf und sah sich um. Einige schwache Lampen gaben genug Licht, so daß wir den Durchgang zum Ausstellungssaal fanden und dort die Vitrine, in der das unbezahlbar kostbare Fabergé-Ei sein sollte. Sie war leer.
„Verdammt! Es ist nicht hier!“ fluchte mein Begleiter.
Ich sah mehr als er. „Doch, es ist hier, es ist nur nicht jetzt“, erklärte ich. „Es ist durch eine Zeitschaltuhr gesichert. Sobald abends die Ausstellung schließt, schaltet sie die Zeit des Objekts um. Es wird dann augenblicklich an den nächsten Morgen versetzt.“ Ich zeigte auf einen Apparat neben der Vitrine, der konstant '10:00' zeigte.
„Und was nun? Kannst du sie abschalten?“
„Das würde nichts nützen und außerdem wahrscheinlich den Alarm auslösen. Nein, ich gebe ihr Zeit, und zwar so viel, daß sie überschnappt. Dann gibt sie das Objekt frei.“
Ich suchte die Zuleitung und machte mich daran, die Schaltuhr mit Zeit zu fluten.
Mein Begleiter sah zu, wie die Zahlen auf der Anzeige der Uhr zu laufen begannen, erst langsam, dann immer schneller.
„Ist das deine Zeit, die du da reinpumpst?“
„Nein. Du weißt doch, ich bin ein Dieb. Ich stehle den Leuten die Zeit, wo ich kann.“
Die Anzeige begann zu flackern, dann wurde sie dunkel. Ping! Aus dem Nichts erschien das kostbare Ei in seiner Vitrine.
„Der Rest ist dein Job“, sagte ich zu meinem Begleiter. Deshalb war er hier: die Vitrine wurde auch durch eine konventionelle Alarmanlage gesichert.
Er nickte, brachte aus seiner Jacke eine Mappe mit feinmechanischem Werkzeug und winzigen elektronischen Geräten zum Vorschein und machte sich ans Werk.

Ich sah ihm zu. Es dauerte. Minuten lang starrte er auf Anzeigen, drehte dann an einem Rädchen oder drückte einen Schalter, sah auf die Anzeige, stellte wieder etwas nach...
Irgendwann sah er zu mir hoch. „Langweilst du dich nicht?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Deine Geduld möchte ich haben.“
Ich grinste. „Ist nicht meine.“
„Sag nicht, du hast sie auch jemandem gestohlen.“
„Musste ich gar nicht. Ich stand bei der Post in der Schlange vor dem Paketschalter, und es dauerte und dauerte. Irgendwann hat der Typ vor mir die Geduld verloren. Er hat sie einfach fallen lassen und ist rausgestürmt, und ich habe sie aufgehoben. So eine Gelegenheit lässt man sich nicht entgehen.“
Er schüttelte den Kopf und machte weiter. Kurz darauf sagte er: „So, das wär's“, klappte die Vitrine auf und schnappte sich das Ei.
„Perfekt“, sagte ich, und wir machten uns auf den Weg zum Ausgang. Im gehen wickelte er seine Beute in ein Taschentuch, und das muss ihn abgelenkt haben. Wie auch immer, er machte einen falschen Schritt und krachte gegen eine Vitrine. Drinnen fiel etwas klirrend um, und der Alarm ging los.
Sirenen heulten, das Licht ging an. Wir stürmten zum Ausgang. Als wir die Feuertür aufrissen, rief unten jemand: „Sie sind da oben!“ Eine andere Stimme befahl: „Nein, bleibt hier. Sie können nicht raus, wir müssen sie nur hier drinnen festhalten, bis die Polizei da ist.“
Wir fuhren zurück und knallten die Tür zu. „Was jetzt?“ fragte mein Begleiter. „Die haben Recht: es gibt keinen anderen Weg hier raus. Kannst du uns an ihnen vorbei bringen?“
„Jetzt, wo sie wissen, daß wir hier sind? Keine Chance.“
„Oh, verdammt. Weißt du einen anderen Ausweg?“
„Ich weiß, was ich machen würde, wenn ich alleine hier wäre. Ich würde ein Zeitfenster öffnen und dadurch verschwinden. Aber das nützt uns nichts, denn ich könnte dich nicht mitnehmen.“
„Mach es trotzdem. Ich habe die Sache verbaselt, es hat keinen Sinn, daß du dich meinetwegen in Schwierigkeiten bringst.“
Ich sah ihn an. „Danke. Aber vielleicht haben wir noch eine Möglichkeit. Ich bin zwar gegen Gewalt, aber in diesem Fall...“ Ich holte ein kleines Kästchen aus meiner Jacke, drückte den Knopf an der Oberseite und hielt ihn gedrückt. „Bleib ganz in meiner Nähe, wenn wir uns verlieren, kann ich dir nicht helfen. Also los.“
„Was ist das?“
„Eine Zeitbombe. Jetzt ist nicht die Zeit für Erklärungen. Komm.“
Ich riss die Tür auf und warf die Bombe. Wir waren schon halb die Treppe hinunter, als sie losging. Im nächsten Augenblick... Spl i t te r v on Z e i t . . . ause in an d erg er is s en . . . d u r ch un d hi n au s . . .
Und noch einen Augenblick später standen wir beide drei Straßen weiter, ganz alleine, mit wackeligen Knien, aber frei, von Verfolgern nichts zu sehen und nichts zu hören. Mein Begleiter schüttelte sich und hielt sich den Kopf. „Was um alles in der Welt war das?“
„Eine Zeitbombe. Sie hat die Zeit in Sekundenbruchteile zerlegt, und ich bin von einem zum anderen gesprungen, immer dorthin, wo diese Typen gerade nicht waren. Das schüttelt einen ganz schön durch. Hast du das Ei?“
Er hatte, und es war unversehrt. Also machten wir uns auf den Weg, es abzuliefern und die Belohnung zu kassieren.

© P. Warmann