Der Text des Monats.


Gereimtes.

Alex, der Erfinder.

Ein seltsames Ehepaar.

Agent XXXT.

Der Vampir.

Der Dieb der Zeit.

Der Dieb der Zeit.

Das Zeitschloss.

Der Dieb als Detektiv.

Der Zeitfresser.

Neue Feinde.

In der Zwischenzeit.

Meister Wang.

Das seltsame Haus.

Moderne Märchen.

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Der Dieb als Detektiv.

Ich bin ein Dieb. Eine besondere Art von Dieb: gewöhnliche Diebe stehlen Dinge. Ich nicht. Ich stehle das Funkeln der Juwelen und lasse den Schmuck liegen, oder ich nehme von einem Gemälde das Bild mit und lasse die Leinwand mit der Farbe darauf im Rahmen zurück.
Manchmal stehle ich auch Zeit, aber selten. Ich muss das gar nicht. So viele Menschen vergeuden ihre Zeit, nutzen sie nicht und lassen sie unverbraucht fallen, dass ich nur an einer Bushaltestelle oder der Schlange vor einer Supermarktkasse vorbei gehen muss, um genügend Stunden für einen zusätzlichen Tag aufzusammeln.

Weil ich ein erfolgreicher Dieb bin, habe ich natürlich auch das nötige Wissen, um Diebstähle zu verhindern. ich arbeite dann und wann als ‘Temporärer Berater für Sicherheitsfragen’ für eine große Versicherung, und deshalb war ich auch nicht überrascht, als mein Mobiltelefon klingelte und sich am anderen Ende ein Detektiv dieser Gesellschaft meldete. Wir hatten schon einige Male zusammengearbeitet und waren verstanden uns gut.
„Das ist ein wirklich kniffliger Fall, an dem ich hier arbeite“, sagte er, „und ich habe das Gefühl, er fällt in dein Spezialgebiet. Ich wünschte, du wärst hier.“
„Ja“, sagte ich, und dann steckte ich das Telefon weg, denn es ist wirklich blödsinnig, in ein Telefon zu sprechen, wenn der, mit dem man redet, vor einem steht.
„Wo ... wo kommst du denn her?“ stotterte er. „Wie hast du das gemacht?“
Ich zuckte mit den Achseln. „Nur ein kleiner Schritt seitlich durch die Zeit. Also, wobei brauchst du meine Hilfe?“
„Seitlich durch die Zeit?“
Er wirkte immer noch etwas erschüttert, dass ich ohne Vorwarnung plötzlich vor ihm erschienen war. Ich versuchte ihm die Sache zu erklären.
„Ist eigentlich ganz einfach. Hier ist es jetzt. Überall anders ist es aber auch jetzt – zeitlich gesehen sind also alle Orte identisch. Wenn ich mich seitlich in der Zeit bewege, also nicht vorwärts in die Zukunft, sondern innerhalb der Gegenwart, kann ich so jeden beliebigen Ort erreichen, und es ist immer noch jetzt, wenn ich dort bin.“
„Aha“, sagte er und wirkte immer noch etwas verwirrt. „Und wie machst du das? Wieso kannst du das?“
„Es gehört auch ein wenig Talent dazu. Beibringen kann ich es dir leider nicht. Wo liegt nun das Problem?“
„Wir haben es hier mit einem Diebstahl zu tun.“
Er zeigt auf die Tür, vor der wir standen. Ich sah mich um.
Wir befanden uns in einem kurzen Gang, der mit einem teuren Teppich ausgelegt war. Er endete vor einer Stahltür mit elektronischem Nummernschloss, die aber einen Spalt offen stand. Das andere Ende des Ganges war von einer hölzernen Flügeltür abgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns in dem Anbau eines größeren Wohnhauses befanden.
„Ein Privatsammler?“ fragte ich.
„Ja.“ Er öffnete die Tür, und wir betraten den Raum dahinter. „Wie du siehst, ist es eine sehr unsystematische Sammlung. Einfach eine Menge mehr oder weniger wertvoller Kram, den ein Mensch in seinem Leben zusammengetragen hat.“
Ich sah mich um und gab ihm Recht. In zwei Dutzend Vitrinen, die alle noch einmal alarmgesichert waren, standen die unterschiedlichsten Dinge: hier vier chinesische Vasen aus der Ming-Dynastie, perfekt erhalten und sehr wertvoll, dort eine mittelmäßige Bronzestatuette eines fahnenschwingenden Reiters, einige römische Münzen, eine sehr schöne mittelamerikanische Jadeskulptur, dazu außerhalb der Vitrinen eine Biedermeier-Kommode und eine moderne Skulptur, gut zwei Meter hoch, wirr zusammengeschweißt aus Fahrradteilen, Zahnrädern, Kupferrohren, Maschendraht, rostigen Blechen und etwas, das aussah wie ein Zapfhahn von einer Tanksäule. Ich schüttelte den Kopf.
In der Mitte des Raumes stand eine kleine Vitrine, offensichtlich leer. Mein Bekannter, der Versicherungsdetektiv, zeigte darauf.
„Hier stand das Prunkstück: eine Elfenbeinstatue aus der Renaissance, Venedig, 16. Jahrhundert. Eindeutig ein Original. Ansonsten fehlt noch eine Geige, angeblich eine Stradivari, was aber ziemlich zweifelhaft ist. Aus der Zeit, in der Stradivari lebte, ist sie aber.
Ich kann verstehen, warum sie die Statue geklaut haben – sie ist mit Abstand das wertvollste Stück hier. Aber warum die Geige? Sie ist sperrig und nicht einmal besonders viel wert. Warum nicht den Jadekopf aus der Maya-Zeit?“
Er ging zu der Biedermeier-Kommode. „Sieh dir bitte mal das hier an“, sagte er und wies auf einen langen Riss in der Deckplatte. Auch die Seitenwand und eine der Schubladen zeigten Risse.
„Oder das hier“. Er zeigte auf eine Vitrine, in der ein emaillierter Krug aus dem 17. Jahrhundert stand. Der Holzgriff war in zwei Teile zerbrochen, und das Email zeigte deutliche Sprünge.
„Ich habe vor drei Wochen geholfen, die Stücke dieser Sammlung für die Versicherung zu katalogisieren, und den Einbau der Alarmanlage überwacht. Damals gab es diese Schäden noch nicht. Denkst du, was ich denke?“
„Zeitschäden“, bestätige ich seinen Verdacht. „Ach ja, die gute alte Zeit. Sie sitzt in der Substanz alter Dinge, man kann sie spüren – genau das macht ja den Reiz von Antiquitäten aus –, aber wehe, es gibt zeitliche Turbulenzen in der Nähe. Dann fängt sie an zu arbeiten, und das Ergebnis ist etwas wie das hier.“
„Könnte jemand in diesem Raum ein Zeitfenster geöffnet haben, um hier einzudringen? Könnte das die Schäden verursacht haben?“
Ich überlegte. „Möglich.“
„Fällt dir jemand ein, der das gewesen sein könnte?“
„Außer mir? Niemand in diesem Teil des bekannten Universums. Es gibt nicht viele von uns.“
„Jaa-a“, sagte er gedehnt und sah mich durchdringend an.
„Denkst du, ich könnte es gewesen sein?“
„Der Gedanke ist mir gekommen“, gab er zu. „Allerdings glaube ich nicht an einen echten Diebstahl. Ich habe so das Gefühl, dass dies ein Versuch ist, die Versicherung zu betrügen: die Versicherungssumme zu kassieren und die Stücke trotzdem zu behalten. Und wenn das so wäre...“
„Würdest du mir die Chance geben, das unter uns zu klären. Nein, ich war es nicht. Du hast mein Wort. Überhaupt würde niemand, der ein Zeitfenster öffnen kann, versuchen, ausgerechnet eine Elfenbeinstatue und eine dreihundert Jahre alte Geige da durchzubringen.“
„Wieso?“
„Weil du hinterher nur noch die Trümmer zusammenfegen könntest. In Holz und ganz besonders in Elfenbein werden während des Wachstums Partikel der Entstehungszeit einlagert. Metall, Stein und Keramik sind da viel unempfindlicher, aber ein mehrere hundert Jahre alter Gegenstand aus Holz oder Elfenbein würde die Belastungen beim Durchgang durch ein Zeitfenster nie aushalten. Er würde in tausend Splitter zerspringen.“
Ich überlegte. „Wie ist der Diebstahl überhaupt entdeckt worden?“
„Gestern abend hat der Hausherr seine Sammlung einigen Gästen gezeigt, da war noch alles in Ordnung. Heute morgen hat er einem Angestellten die Tür geöffnet, damit der hier sauber machen konnte. Als der fertig war, hat er sich im Raum umgesehen, und die Statue war weg. Er hat sofort den Hausherrn gerufen, und der hat uns verständigt. Als ich kam, hatte er entdeckt, dass auch die Geige fehlte.
Die Tür ist zwischendurch nicht geöffnet worden, das habe ich überprüft. Der Angestellte war auch nur ein paar Minuten alleine hier im Raum – sie benutzen einen neuen Saugentstauber, der extrem schnell ist ...“
„Halt“, unterbreche ich ihn. „Ist das das Gerät, das draußen im Gang steht? Mist. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen.“
Ich eile nach draußen und untersuche den Saugentstauber. Mein Bekannter ist mir gefolgt.
„Ich habe über dieses Modell gelesen“, sage ich. „Besonders kraftvoll und besonders zeitsparend. Um genau zu sein, es spart seine Zeit beim Saugen, indem es sich bei der Zeit bedient, die im Raum vorhanden ist. Man darf so etwas auf keinen Fall in die Nähe von Antiquitäten lassen – es saugt ihnen die Zeit aus. Das erklärt die Schäden an der Kommode und dem Krug. Die Statue und die Geige waren noch viel empfindlicher...“
Ich gehe zurück in den Raum und blicke in die Vitrine. „Da, siehst du? Da liegen noch Reste von Elfenbeinstaub. Aber die Geige dürfte eigentlich nicht vollkommen zu Staub zerfallen sein.“
Ich sehe mich um. „Nein, ist sie auch nicht. Sieh mal hier.“ Ich zeige auf die seltsame Schrottskulptur. Zwischen Maschendraht und und einer Fahrradkette hängen die traurigen Überreste: die Saiten und ein Teil der Spannmechanik.
„Du hattest Recht, es ist ein Versuch, die Versicherung zu betrügen. Dein Sammler hat mit seiner modernen, Zeit sparenden Technik den Untergang seiner eigenen Stücke herbeigeführt, dann hat er die Trümmer verschwinden lassen und es als einen Diebstahl hingestellt.“
Mein Freund bedankt sich für meine Hilfe, und ich verlasse das Haus, diesmal in der Zeit und durch die Tür.

© P. Warmann