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Das Kreistier.

Es begann an dem Morgen nachdem das Klavier angeliefert worden war. Ich hatte als Kind Klavierstunden gehabt, aber seitdem keine Gelegenheit gehabt zu spielen. Jetzt hatte ich mir ein gebrauchtes Klavier gekauft. Am Abend zuvor war es geliefert worden.
Ich saß also da, noch im Schlafanzug, und spielte etwas vor mich hin – nicht sehr gut, denn ich war fünfzehn Jahre aus der Übung. Da ging plötzlich oben der Schalldeckel auf und ein Etwas schob sich durch den Spalt.
Ich starrte es an. Es war ... es war grün, so viel stand fest. Ein blasses Blaugrün. Außerden war es rund, mit etwa zwanzig Zentimetern Durchmesser. Am ehesten sah es aus, als wenn jemand zwei flache Schüsseln aufeinander gestülpt hatte, mit einem fingerbreiten Spalt dazwischen. Aus diesem Spalt kamen zwei Stielaugen hervor, und Beine. Rundum Beine mit kleinen Tellerfüßen, mindestens zwei Dutzend. Dazu vorne etwas, das wie Scheren aussah. Alles das war grün.
Ich starrte das Etwas an, wie es sich mit einem eleganten Schlenker oben auf das Dach des Klaviers schwang. Es faltete die Beine unter seinem Körper zusammen und wandte mir seine Stielaugen zu. Dann sagte es: „Guten Morgen. Sie sind also der neue Eigentümer dieses Klaviers? Ich bin hoch erfreut, Sie kennen zu lernen.“
„Und wer sind Sie?“ fragte ich die Erscheinung.
„Ich bin ein Kreistier“, erklärte das Etwas in dem gleichen angenehmen sachlichen und höflichen Tonfall wie zuvor.
„Aha. Und wie kommen Sie in mein Klavier?“
Ich stellte fest, dass ich ganz ruhig sprach.Ich verlor augenscheinlich gerade den Verstand, schaffte es irgendwie aber nicht, mich darüber aufzuregen. Ich meine, wenn man zwanzig Zentimeter große runde und grüne Etwasse aus seinem Klavier kommen sieht, dann hat man eindeutig Haluzinationen. Was mich erstaunte, war nur, wie vernünftig diese Haluzination mit mir sprach. Sollte sie nicht wirre Dinge von sich geben, da sie ja schließlich das Produkt eines verwirrten Geistes war?
Statt dessen beantwortete die Erscheinung meine Frage sachlich. „Ach, ich hatte genug von der Atomphysik. Ich sah dieses Klavier mit dem Schild ‘verkauft’ daran und dachte mir: versuch es einfach. Du wirst bei einem Musikfreund landen, und das kann nur gut sein.“
„Aha“, sagte ich noch einmal. „Was wollen Sie jetzt von mir?“
„Wollen? Nichts. Ich erhoffe mir anregende Gespräche, das ist alles.“
„Aha“, sagte ich zum dritten Mal. Etwas besseres fiel mir nicht ein. Dann stand ich auf und ging ins Bad, um mir die Zähne zu putzen.

Ich spulte die allmorgendliche Routine ab, machte mir Frühstück und kam mit dem Tablett ins Wohnzimmer. Das Kreistier saß immer noch auf dem Klavier. Augenscheinlich hatte ich wirklich gründlich den Verstand verloren.
„Roggenbrot mit Käse?“ sagte es. „Wie ich sehe, sind Sie ein Anhänger des kräftigen Frühstücks.“
„Ja“, antwortete ich. „Dafür lasse ich meistens das Mittagessen aus.“
Und so ging es weiter. Wir plauderten recht angeregt, und als ich die Wohnung verließ, um zur Arbeit zu fahren, fragte ich mich, wie wohl der Fachausdruck für diese Art von Wahnideen ist.

Im Büro lief alles wie immer. Ich sah keine seltsamen Dinge (jedenfalls keine seltsameren als in diesem Laden üblich). Als ich das Thema ‘Kreistier’ vorsichtig ansprach, schien es niemanden zu interessieren. Die einzige Reaktion war: „Ja, wir hatten auch mal Tiere bei uns im Haus, und schließlich wurde es so schlimm, dass wir den Kammerjäger kommen lassen mussten. Schrecklich! Wollen Sie die Adresse?“ Ich lehnte dankend ab.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, erwartete ich, dass sich die Sache mit dem Kreistier erledigt hätte. Statt dessen begrüßte es mich fröhlich von einem neuen Platz oben auf meinem Wohnzimmerschrank. Ich gab es auf und beschloss, mit dieser Haluzination zu leben.
Wir unterhielten uns lange, und als ich erwähnte, dass ich die Möbel im Wohnzimmer gerne umgestellt hätte, schien dies das Kreistier sehr zu interessieren. Es fragte mich regelrecht aus, wie ich die Einrichtung umstellen würde, wenn ich könnte. Ich sagte ihm, dass das viel zu viel Arbeit machen würde, besonders jetzt, wo auch noch ein Klavier im Zimmer stand.

Am nächsten Tag leistete mein Gast mir beim Frühstück Gesellschaft, und dann geschah nichts bemerkenswertes, bis ich am Abend wieder in die Wohnung kam. Ich macht Licht im Wohnzimmer, und da standen alle Möbel so, wie ich mir schon lange vorgestellt hatte. Einschließlich dem Klavier.
„Gefällt es dir?“ fragte das Kreistier (wir waren am Abend zuvor zum Du übergegangen).
„Wie hast du das geschafft?“ wollte ich wissen.
„Ach, das war keine Mühe. Ich hatte ja den ganzen Tag Zeit. Probier aus, wie es dir gefällt, und sag mir, was du anders haben möchtest. Ich kümmere mich dann darum.“
Ich dankte ihm herzlich.

Der nächste Tag war ein Freitag. Frühstück mit Kreistier, dann zur Arbeit. In der Mittagspause kam ich mit einer Kollegin ins Gespräch. Sie heißt Monika und arbeitet noch nicht lange bei uns. Ich hatte sie schon immer für eine sehr interessante Frau gehalten, aber ich bin in diesen Dingen eher schüchtern.
Sie erwähnte, dass sie Oboe spielt, und ich erzählte ihr von meinem neu erworbenen Klavier. „Nur habe ich mir damit einen sehr seltsamen blinden Passagier ins Haus geholt“, sagte ich, und dann erzählte ich ihr die ganze Geschichte. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte.
„Das ist keine Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, um dich auf den Arm zu nehmen“, erklärte ich. Sie wollte etwas sagen, aber ich hob die Hand. „Ja, ich weiß, dass es unmöglich ist. Trotzdem habe ich es genau so erlebt. Was eine von zwei Sachen bedeutet: entweder ist es objektiv real, oder ich habe wirklich intensive Haluzinationen. Das Problem ist nur, dass ich das nicht unterscheiden kann. Ich frage mich, ob jemand anderes das Kreistier ebenfalls sehen würde, wenn ich es sehe.“
„Ist das eine Einladung?“ fragte sie mit einem Lächeln.
„Wenn du es so auffassen möchtest...“ fand ich den Mut zu sagen.

Und so fuhren wir nach der Arbeit zusammen zu mir nach Hause. Wir traten in mein Wohnzimmer, und sie sah sich um.
„Zumindest das Klavier ist real“, stellte sie fest. „Und ... oh.“
Auf der Fensterbank lag etwas, rund, grün, wie zwei flache Schüsseln, aufeinandergestülpt und ohne einen Spalt dazwischen. Keine Stielaugen, Beine oder Scheren.
Ich stellte mich daneben und sagte: „Ich würde dir gerne meinen Gast vorstellen.“ Dabei kam ich mir ziemlich blöd vor. Es würde nichts geschehen, und das war es dann. Der endgültige Beweis, dass ich verrückt war.
Statt dessen hob sich die obere Schale, und zwei Stielaugen klappten aus. „Es ist mir eine Freude“, sagte das Kreistier. „Ich hatte die Schotten dicht gemacht, um dich nicht in Verlegenheit zu bringen. Ich danke dir, dass du mir die Gelegenheit gibst, noch einen interessanten Menschen kennen zu lernen.“

Wir aßen zu dritt zu Abend. Monika und das Kreistier verstanden sich prächtig, und wir fanden es beide schade, als es erklärte, es könne höchstens noch zehn Tage bleiben, auf keinen Fall länger. Was weiter an diesem Abend geschah, hatte dann nichts mit dem Kreistier zu tun und fand im Schlafzimmer statt.

© P. Warmann