Der Text des Monats.


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Schon seit langem ist bekannt, daß die Geheimdienste der meisten Länder gar nicht die Geheimdienste sind. Der KGB zum Beispiel oder die verschiedenen britischen Geheimdienste existieren zwar, machen genau die Arbeit, die sie vorgeben zu tun, und sind für das verantwortlich, was manchmal über sie durchsickert, aber alles das ist nur eine Tarnung. Die wahren Geheimdienste sind so vollständig geheim und arbeiten so lautlos, unsichtbar und unheimlich effizient, daß es keine Hinweise darauf gibt, daß sie wirklich existieren. Daran erkennt man Qualität.
Viele Jahrzehnte lang gingen die Beobachter davon aus, daß es sich mit der CIA genauso verhält, daß sie also nur eine vorgeschobene Organisation ist, hinter der der wahre Geheimdienst der USA operiert. Man wunderte sich nur über die vielen Fälle von mangelndem Durchblick, schlechter Organisation – schlicht gesagt, Aktionen, die spektakulär in die Hose gingen. Nun erwartet niemand von den Amerikanern eine besonders subtile Taktik, aber sollte eine Organisation, die Tarnung für den wahren Geheimdienst ist, nicht zumindest den Anschein von Kompetenz erwecken?
Doch genau das, so schlossen die Beobachter schließlich, war der geniale Plan: es gab keinen wahren Geheimdienst. Die CIA selbst war der wahre Geheimdienst, getarnt durch ihre offensichtliche Unfähigkeit. Aber dies war ein Fehlschluss. Der wahre Plan ist noch erheblich genialer. Die CIA ist tatsächlich der einzige und wahre Geheimdienst der USA, aber ihre Unfähigkeit ist keine Tarnung. Die USA kann sich einen unfähigen Geheimdienst leisten, weil absolut niemand glauben mag, daß eine so bedeutende Nation sich einen unfähigen Geheimdienst leistet.

Eine Variante der Methode benutzt das organisierte Verbrechen, das die Mafia als seine Tarnorganisation vorschiebt. In diesem Fall kommt noch der feine Kniff dazu, regelmäßig zu behaupten, es gäbe kein organisiertes Verbrechen und schon gar keine Mafia. Nun kann man tatsächlich Beweise dafür bringen, daß es die Mafia nicht gibt, zumindest in dem Sinne, daß sie nicht das wahre organisierte Verbrechen ist. Das erklärt man dann zu einem Beweis dafür, daß es das organisierte Verbrechen nicht gibt – ein typischer Beweisfehler (ignoratio elenchi), bei dem nicht das bewiesen wird, was man zu beweisen vorgibt.

Das bringt uns zu den Geheimgesellschaften, die meist überhaupt nicht geheim sind. Geheim ist höchstens, wer in ihnen Mitglied ist, manchmal sind es auch ihre Ziele, und ihr Vorgehen ist heimlich, aber die Existenz der Gesellschaft ist allgemein bekannt. Im Gegenteil, sie achten meist sehr darauf, zumindest vage Hinweise darauf zu hinterlassen, daß es sie gibt und wofür sie verantwortlich sind. Denn wer ganz und gar geheim ist, kann auch nicht gefürchtet und bewundert werden, und darauf kommt es schließlich an.
Abhängig von Art und Zielen der Organisation können die Hinweise allerdings sehr subtil sein. Die Internationale Mördergilde zum Beispiel ist dafür bekannt, daß sie nie auch nur irgendwelche Spuren hinterlässt. Wenn also irgendein Verdacht aufkommt auf nicht ganz natürlichen Tod oder seltsame Umstände bei einem Unfall, dann ist nicht die Gilde dafür verantwortlich. Aber wenn es nicht die geringsten Hinweise dafür gibt, wenn niemand an Mord auch nur denkt – das ist ein sicherer Hinweis, daß die Mördergilde die Hand im Spiel hatte.

Die geheimste aller Geheimgesellschaften aber ist natürlich jene, von der niemand weiß, daß es sie gibt – nicht einmal ihre Mitglieder.
Die geheimnisvollste aller Geheimgesellschaften hingegen ist die, von der alle wissen, daß es sie nicht gibt. Einschließlich der Mitglieder. Besonders, weil es sie wirklich nicht gibt. Sie können mir das glauben – ich bin Mitglied.

© P. Warmann